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Schweizer Münzwesen im 19. und 20. Jahrhundert

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts herrschte in der Schweiz, wie in den meisten Staaten Zentraleuropas, eine heute kaum mehr vorstellbare Unordnung im Münzwesen. Eine grosse Menge von Münzen verschiedenster Metalle und Herkunft war im Umlauf. Städte, Bistümer, Abteien, Orte, Kantone und Freiherrschaften übten das Münzrecht nach Belieben aus, ohne meistens irgendeiner Richtlinie zu folgen. Zudem kursierten zahlreiche ausländische Münzsorten, vornehmlich aus Frankreich und Italien, sowie aus dem österreichischen und süddeutschen Raum. Es wurde nach altem und neuem, nach ausländischem und inländischem Münzfuss geprägt. Für den Kaufmann und für den Bürger war der Umgang mit dem Geld unübersichtlich und mühsam. Dadurch wurde die Wirtschaft natürlich arg in Mitleidenschaft gezogen.
 
Der erste Versuch, das schweizerische Münzwesen zu ordnen, wurde im Jahre 1798 unter der Helvetischen Republik unternommen. Eine für die ganze Schweiz geltende Münzserie sollte alle bis dahin kursierenden Münzensorten ersetzen. Die Einheit, man hatte das Bernische Münzwesen als Vorbild genommen, war erstmals der Schweizerfranken zu 10 Batzen (100 Rappen). Nach der Auflösung der Helvetik erlangten die Kantone wiederum ihre Münzhoheit unter der Mediationsverfassung Napoleons. Leider wurde kein ernster Versuch gemacht, das Münzwesen zu regeln. Es fiel wieder in den alten unerfreulichen Zustand zurück; die Situation verschlimmerte sich durch die Ausgabe einer Unmenge kleiner Scheidemünzen der neugeschaffenen Kantone.
 
Der Bundesvertrag von 1815 klammerte das Münzwesen völlig aus. Es kam jedoch zu mehreren Übereinkommen oder Konkordaten zwischen Gruppen von Kantonen (1819, 1824 und 1825). Durch diese Konkordate wurde das Münzwesen innerhalb der Kantone einigermassen geregelt. Doch es sollte erst der neuen Bundesverfassung von 1848 gelingen, die Schweiz aus dem Münzelend herauszuführen.
 
Im Jahre 1848 begann die Bundesversammlung sofort, sich mit dem Problem des Schweizerischen Münzwesens zu befassen. Es entbrannte eine heftige Diskussion, die fast zwei Jahre dauerte. Sollte man die neue Schweizer Währung dem Französischen Dezimalsystem oder dem Süddeutschen Guldenfuss anpassen? Die Bundesversammlung entschied sich schliesslich für das Französische System. Das Bundesgesetz vom 7. Mai 1850 bestimmte den Franken zu 5 Gramm Silber (900/1000 fein) als Grundnominal, aufgeteilt in 100 Rappen (Centimes). Über die Jahre wurde das ursprüngliche Münzgesetz mehrmals geändert. So wurden z.B. die Billon-Prägungen als ungeeignet angesehen und ab 1879 durch Kupfer-Nickel ersetzt. Bei den Silbermünzen wurde der hohe Feingehalt herabgesetzt. Das 5-Franken-Stück wurde im Jahr 1931 in Gewicht und in der Grösse reduziert.
 
Einen wichtigen Schritt tat die Schweiz im Jahre 1865, als sie der Lateinischen Münzunion (LMU) beitrat. In diesem Münzvertrag – die Mitgliederländer waren Frankreich, Belgien, Italien und die Schweiz; Griechenland schloss sich erst 1868 an – gab es einheitliche Bestimmungen über Gewicht, Feingehalt, Form und Kurs von Gold- und Silbermünzen. Alle Sorten sollten im gesamten Gebiet zum Nominalwert angenommen werden. Dieser Münzvertrag war ein Erfolg und kann als Vorläufer einer gemeinsamen Europäischen Währung angesehen werden. Die LMU blieb formell bis 1926 in Kraft.
Die Ausprägung von Schweizer Goldmünzen war anfänglich nicht vorgesehen. Ab 1883 prägte man jedoch Goldmünzen, zuerst 20-Franken-Stücke, denen 1911 eine Reihe von 10-Franken-Stücke folgten. Im Jahre 1925 prägte die Schweiz sogar ein 100-Franken-Stück. In den Jahren 1955, 1958 und 1959 wurden je 2 Millionen 50-Franken-Stücke und je 5 Millionen 25-Franken-Stücke geprägt, die bis heute jedoch nicht in den Verkehr gelangten.
 
In den Jahren 1967 und 1968 stieg der Preis des Silbers dermassen, dass grosse Mengen Schweizer Kursmünzen ins Ausland flossen, um dort mit ansehnlichem Gewinn verkauft und eingeschmolzen zu werden. Die Schweiz hatte keine andere Wahl, als die Prägung der Silbermünzen einzustellen um den Geldumlauf fortan nur noch mit Kupfer-Nickel zu versorgen.
 
Wenn man von der Aufgabe des Silbergeldes absieht, hat das Schweizer Münzwesen im Gegensatz zu anderen Ländern Europas in den letzten 150 Jahren fast keine Änderungen oder grosse Umwälzungen durchgemacht. Drei Münztypen verdienen hier eine ganz besondere Erwähnung. Bovys stehende Helvetia, erstmals im Jahre 1874 geprägt, schmückt auch heute noch die Schweizer Münzen und verkörpert in eklatanter Weise eine stabile Währung, die es fertiggebracht hat, alle grossen Wirtschaftskrisen des 19. und 20. Jahrhunderts zu überwinden. Schwenzers klassischer Freiheitskopf, der 1879 erstmals auf den Kupfer-Nickel Münzen erschien, wird auch heute noch unverändert weitergeprägt. Noch nie in der Internationalen Münzgeschichte gab es zwei Münztypen, die so lange ohne nennenswerte Änderung fast Jahr für Jahr weitergeprägt wurden. Als dritter, herausragender Münztyp sei noch Landrys 20-Franken-Stück zu erwähnen. Diese Münze wurde bald zu den beliebtesten Kursmünzen in Gold. Ohne Übertreibung darf gesagt werden, dass das Schweizer „Vreneli“ die attraktivste aller modernen Goldmünzen ist.


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